Da die Cultural Studies der Schwerpunkt meines Studiums waren, möchte ich an dieser Stelle ein paar Anmerkungen dazu anführen, um die Kurseinheit vom Freitag den 14. November zu ergänzen. Gleich vorweg: Wenn von Cultural Studies (CS) gesprochen wird, handelt es sich eben nicht um eine einfache Übersetzung des Wortes „Kulturtheorie“ ins Englische, sondern um ein bestimmtes Forschungsparadigma, das sich gleichzeitig jedoch nicht immer eindeutig und trennscharf definieren lässt – doch dazu später.
Das Projekt der CS entstand in den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in England. Ein zentraler Aspekt war die wissenschaftliche Hinwendung zur Populärkultur, damals insbesondere zu der Alltagskultur der Arbeiterklasse. Verworfen wurde somit die Vorstellung, dass mit Kultur nur die sogenannte Hochkultur der Elite verstanden werden sollte. Vielmehr ist es die Populärkultur, welche als ein ständiger und wichtiger Teil der Lebenswelt der Menschen entscheidend für deren Selbstverständnis und Identität ist, da sie eine wichtige Rolle in deren Sozialisation spielt. Die Populärkultur beeinflusst maßgeblich, wie Menschen sich selbst verstehen und ihrem Leben und der Welt Sinn geben. Kultur besteht aus Sicht der CS nicht nur aus kulturellen Produkten oder Gütern, sondern vielmehr aus gemeinsam gemachten Erfahrungen und Alltagspraktiken, durch welche Kultur ihren Ausdruck findet. Raymond Williams, einer der Gründerväter der CS, bezeichnete Kultur als „a whole way of life“ – also als gesamte Lebensweise.
In den 60er und 70er Jahren beschäftigten sich die CS vor allem mit Jugend- und Subkulturen sowie deren spezifischen Praktiken. Diese Kulturen (z.B. Punk) wurden dabei als spezifische Antworten auf den jeweiligen historischen Kontext gelesen. In ethnografischen Studien untersuchten die CS den Stil der verschiedenen Jugend- und Subkulturen, der durch bedeutungsvolle Praktiken wie etwa der Kleidung oder der Art zu Tanzen seinen Ausdruck fand. Als das Fernsehen in den 80ern immer mehr an Bedeutung gewann und zum gesellschaftlichen Leitmedium geworden war, rückten für die CS vermehrt auch Medienstudien in den Vordergrund. Die CS sehen die Rezeption von Medien dabei nicht als passiven Prozess, sondern betonen vor allem auch die Möglichkeit von kritischen Lesarten.
Die CS weisen darauf hin, dass auf dem Feld der Kultur ein „Kampf um Bedeutung“ stattfindet. Dadurch erklärt sich etwa auch der Fokus auf widerständige Subkulturen und kritische Medienrezeption. Wichtig für die CS ist aber das Untersuchen und Aufzeigen der Kräfteverhältnisse, denen dieser „Kampf um Bedeutung“ zugrunde liegt. Welchen Handlungsspielraum haben die Menschen auf dem Feld der Kultur?
Studien der CS fokussieren sich stets auf das Zusammenspiel von Kultur, Macht und Identität. Diese drei Begriffe fassen somit den wissenschaftlichen Fokus der CS zusammen. Gleichzeitig lassen sie sich, wie eingangs erwähnt, nicht eindeutig und trennscharf von anderen wissenschaftlichen Disziplinen abgrenzen. Das liegt daran, dass die CS auf eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen und Methoden zurückgreifen und sich selbst als interdisziplinäre Herangehensweise verstehen.
Wer sich über diesen sehr (!) groben Überblick hinaus mit den CS beschäftigen will, kann sich jederzeit an mich wenden. Ich kann euch gerne jede Menge Literaturtipps geben, ein Buch leihen oder auch den einen oder anderen Text zur Verfügung stellen.
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